In einem Zwischengeschoss in einer Wartezone der alten U-Bahn-Station hatten wir uns wieder versammelt. Es waren längst nicht mehr alle da, und man konnte die resignierte Stimmung förmlich spüren. Ich war fest entschlossen, nicht aufzugeben und aus diesem absurden Gefängnis heraus zu kommen. Ich ging also zu den Aufzügen, die sich direkt linkerhand der etwas erhöhten Wartezone befanden. Ich rief ihn per Knopfdruck an, und er schien sich erstaunlicherweise tatsächlich in Bewegung zu setzen. Die eine der beiden Schiebetüren öffnete sich und eine erstaunlich gut erhaltene Kabine offenbarte sich mir. Ich stieg ein und drückte den Knopf zur untersten Etage, wobei mir sogleich einfiel, dass ich eigentlich ins Erdgeschoss wollte. Ich korrigierte meine Wahl und wartete dann darauf, dass die Fahrt beginnen würde. Dabei fiel mir Perry im Augwinkel auf, die mir durch die Scheiben in der Aufzugstüre ängstlich zuwinkte. Etwas stimmte nicht – was in diesem Haus durchaus nicht verwunderlich war. So stemmte ich die Schiebetüren wieder auf und sprang aus der Kabine. Die füllige Perry zeigte zitternd auf den Aufzug. An der Wand neben der Aufzugstüre, die ich gerade verlassen hatte, war ein skurriler Schriftzug erschienen: killer cabine in lift. Kurz darauf explodierte etwas im Aufzugsschacht. Ein grelles Licht zuckte hinter den Türscheiben auf und schliesslich drang ein stinkender, bräunlicher Rauch aus den Zwischenräumen hervor. Ungläubig blickte ich auf den Aufzug. Im selben Moment fuhr die zweite Aufzugstüre auseinander und die jämmerlichen Überreste von Florian präsentierten sich uns, zerfetzt und grotesk in der Aufzugskabine verteilt. Einzig an der blutverschmierten aber deutlich erkennbaren weissen Bikerjacke war er zu identifizieren. Das reichte mir! „Ich geh jetzt hier raus!“ rief ich, und die Gruppe blickte mich mitleidig an und dachte sich wohl, ich hätte nun vollends den Verstand verloren. Ich kümmerte mich nicht weiter darum und machte mich daran, die breite natursteinerne Treppe, drei Stufen auf einmal nehmend, hinab zu springen. Ich hörte noch vage die Warnrufe meiner Kumpane, doch ich liess mich nicht aufhalten. Ich hörte aber auch, wie mir jemand folgte. Mitten im Flug blickte ich kurz zurück und sah, wie Perry und Fred mir folgten. Eine Etage tiefer kamen wir zu den Gleisen in einer überdimensionalen, steinernen Halle, die eher an einen imperialen Bahnhof erinnerte. Wir bestiegen dann die plane Fläche eines Gefährts, das weder Wände noch Türen oder Sitze aufwies, sonder nur eben diese breite Fläche zum Transport bot. Wir kauerten uns nieder und warteten ab, wo uns die Geisterfahrt hinführen würde. Das Gefährt setzte sich in Bewegung und führte über das dichte Netz aus Geleisen quer durch die Halle hindurch. Ich spürte eine sanfte Berührung an meinem Rücken und erblickte Marin, der sich auf wunderliche Weise zu uns gesellt hatte. Er war wie ich in strahlendes Weiss gekleidet. Kein Fleck verunreinigte unser beider Strahlen. Er lächelte mir ermunternd zu und legte seine kräftige Hand auf meinen Rücken.

Leider blieb uns nicht viel Zeit, die Nähe auszukosten, denn schon schrillte ein ohrenbetäubender Schrei durch die Halle. Ich wandte mich abrupt zu Perry um – ihre Schreie waren unverwechselbar – und erblickte eine vor Schreck erstarrte Dame, eine Hand vor den Mund gehalten, die andere wie zum Schutz von sich gestreckt. Unverkennbar war nun auch der Grund ihres Schreckens. Unweit unseres Gefährts folgte uns ein schlangenartiges Ungetüm. Es hatte weder eine klare Form, noch eine definierbare Oberfläche. Es sah aus, wie ein überdimensionales Spermium. Das Monstrum holte den Abstand zu uns mit atemberaubender Geschwindigkeit auf und würde uns schon bald unter sich begraben oder uns verschlungen haben, wenn wir nicht handelten.

„Verteilt euch!“ schrie ich. „Es kann nicht alle kriegen.“ Ich sprang von dem fahrenden Wagen und rannte über die Gleise auf den äussersten Peron zu. Da ich die erste war, die von dem Wagen abgesprungen war, hatte das Untier tatsächlich meine Verfolgung aufgenommen. Ich rannte so schnell ich konnte und versuchte mich darauf zu konzentrieren, nicht über die unzähligen Gleise zu stolpern, da dies den sicheren Tod bedeutet hätte. Ich blickte zurück und erkannte mit Schrecken, dass mein Verfolger kaum zwanzig Meter von mir entfernt war. Die Angst verlieh mir einen erneuten Energieschub, und ich legte zu einem Endspurt an. Zugleich entdeckte ich eine Möglichkeit, mich in Sicherheit zu bringen. Ein Zug hielt fahrt in unsere Richtung und würde in wenigen Momenten auf unserer Höhe sein. Ich wollte versuchen, den Zug – ganz wie im Film – zwischen meinen Verfolger und mich zu bringen. Es würde diesen zwar nicht lange aufhalten, aber es würde ihm für einen Moment die Sicht nehmen, was mir die Gelegenheit gab, mich irgendwo zu verstecken. Wo dieses Versteck auf der offenen Fläche des dichten Gleisnetzes zu finden sein sollte, hatte ich glücklicherweise nicht die Zeit zu überlegen. Mein Vorhaben ging tatsächlich auf und das Schlangen-Ungetüm blieb hinter dem Zug zurück. Doch der Zug würde schon bald vorbeigebraust sein. Glücklicherweise war ich auch schon am äusseren Peron angelangt und erkomm ihn behände, hielt dann auf die Fussgängerunterführung zu, die nur wenige Meter entfernt war und versteckte mich dort hinter deren Überdachung. Ich liess mich nicht lange aufhalten und stieg weiter die Stufen hinab. Der Treppenschacht schien im Absteigen enger zu werden, bald war er noch kaum zwei Meter breit. Ich hielt inne und versuchte ein Geräusch auszumachen, das meine Verfolger verraten würde. Doch nebst dem entfernten Brummen irgendwelcher mächtiger Maschinen und dem sporadischen Quietschen eiserner Räder, die um die Kurve fuhren war nichts zu vernehmen. Einen kurzen Augenblick später musste ich mein Urteil revidieren. Plötzlich waren wieder Schritte und ein tiefes, asthmatisches Keuchen zu hören. Und dann die erleichternde Stimme von Fred: „Nun laufen Sie schon! Wir haben sie bestimmt verloren!“

„Ich bin hier!“ rief ich hoch.

„Gott sei dank!“ liess sich die pfeifende Stimme Perrys vernehmen. Und kurz darauf stolperte sich auch schon um die Ecke, dicht gefolgt von Fred. Beide stützten sich sogleich auf ihre Oberschenkel auf, um nach Luft zu ringen.

Ich deutete ungläubig nach oben und fragte: „Wie habt ihr das … Ding—“ Fred wollte antworten, doch er rang noch zu sehr nach Luft, um verständlich zu sein. Ich winkte ab. „Ist schon gut. Gehen wir weiter. Wir sollten hier nicht zu lange verweilen. Wer weiss, was noch auf uns wartet… Könnt ihr schon weiter?“ Beide nickten eifrig. Es war ihnen wohl genauso unwohl in diesem düsteren Treppenhaus, wie mir.

Wir stiegen also noch einige Stufen hinab, als plötzlich ein dumpfes Raunen das ganze Gebäude zu erschüttern schien. Es tönte wie einer dieser riesigen, metallnen Container, wenn sie auf dem Hafen umgeladen wurden.

„Weiter, weiter!“ rief ich. „Nur nicht stehen bleiben!“

Plötzlich aber rannte uns Marin mit zwei massiven Blechen auf dem Rücken entgegen und sprang mit einer erstaunlichen Leichtigkeit die Stufen hoch. „Mach dir keine Sorgen! Geht nur weiter“, sagte er und lächelte sein so beruhigendes, ermunterndes Lächeln – wie auf dem planen Gefährt.

„Danke!“ rief ich ihm nach, als er um die Ecke verschwand und die Ergänzung ‚mein Schatz’ blieb mir im Hals stecken.

Etwas verwirrt setzte ich den Weg auf dem Treppenabstieg fort. Und wieder ertönte dieser dumpfe Klang, der durch Mark und Bein ging. Er brachte die Räume nun in regelmässigen Abständen zum Erbeben und schien mit jedem Mal lauter zu werden. Die Angst verdichtete sich in mir zu einer schleichenden Panik. Meine Schritte wurden hastig und unkontrolliert. Mehr als einmal drohte ich zu stolpern. Der dumpfe Knall war mittlerweile so laut, dass jedes Wort in ihm unter ging. Und auf einmal hatte ich das Gefühl, die Decke sei niedriger geworden. Meine Ahnung bestätigte sich beim nächsten lauten Knall, als die Decke ein weiteres Stück näher zu uns rückte. Panisch drängte ich meine Begleiter zur Hast, obwohl meine Worte wohl nicht hörbar waren.

Endlich waren wir auf der untersten Ebene angelangt. Die Decke war bereits so niedrig, dass wir gebückt laufen mussten. Um die nächste Ecke war bereits die letzte Treppe, die hinauf in einen offenen Raum führte. Ich sah deutlich das Tageslicht, das zwischen der niedrigen Decke und den Treppenstufen zu uns hinab schien.

Ein weiterer ohrenbetäubender Knall, und die Decke drückte uns zu Boden. Wir robbten die Stufen hoch, nur noch wenige Meter vom schmalen Ausgangsspalt entfernt. Ich erreichte mühevoll die oberste Stufe und kletterte hinaus. Sogleich wandte ich mich um und streckte meine Hand nach Perry aus. Unsere Hände fanden sich und ich zog mit aller Kraft. Schon lugte ihr massiger Oberkörper aus dem Spalt hervor. Da ertönte ein weitere Knall, hier draussen längst nicht mehr so laut, wie in dem Treppenhaus, und die Decke verschloss den Spalt vollends, Perrys Beine unter sich begrabend. Mir blitzten die schrecklichsten Visionen abgetrennter Gliedmasse auf – nicht auszudenken, was mit Fred geschehen war! – und erwartete den qualvollen, schmerzverzerrten Schrei aus Perrys Mund. Doch nichts dergleichen geschah. Perry zog nur panisch an ihrem Bein, das noch im Spalt steckte. Doch bei genauerem Hinsehen konnte ich erkennen, dass die Decke eine weiche Masse war, die wie ein dicker Teig den Treppenausgang auffüllte.

„Schnell! Wir müssen Fred helfen!“ Ich griff in die langsam sich schliessende Lücke, aus der sich Perry gerade befreit hatte und grub nach Freds Hand. Schliesslich stiess selbe an einem anderen Ort aus dem Teig hervor und suchte verzweifelt nach Halt. Perry und ich griffen gemeinsam nach Freds Arm und zogen mit aller Macht daran – und das war eine rechte Kraft, bedenkt man allein die Gewichtskraft, die Perry ausübte. Sie machte mein Defizit an Gewichtskraft fünfmal wett. Endlich stiess Freds Kopf aus der Masse hervor. Er rang nach Luft. „Schnell, schnell! Zieht mich hier raus! Bitte!“ Er legte seinen freien Arm um Perrys Hals, diese legte sich zurück und zog Fred dabei ein gutes Stück weiter aus dem Teig hervor. Noch ein weiterer Anlauf und Fred war vollständig befreit. Einen Moment lang sassen wir ungläubig vor dem mit jenem unglaublichen Teig aufgefüllten Treppenausgang und keuchten vor Aufregung.

Als ich wieder einen klaren Gedanken fassen konnte, blickte ich mich um und erkannte, dass wir uns in der Haupteingangshalle des Gebäudes befanden. Die massive Eingangstür war von Geröll versperrt und machte nicht den Eindruck, als könne sie ihrem Zweck, sich zu öffnen, noch dienen. Mein Interesse widmete sich vielmehr den in gut zwei Metern Höhe in die mächtige Mauer eingelassenen Fenster. Sie waren mit einer Folie verdunkelt, liessen aber noch immer genügend Tageslicht ein, um den Raum zu erhellen.

„Hilft mir mal einer mit dem Fenster?“ fragte ich und machte mich auf zu der bezeichneten Wand. Inmitten der Trümmer, die überall verstreut lagen, fand ich einen noch gut erhaltenen Ziegelstein. Während ich ihn auflas, hatte sich Fred erhoben und war zu mir herangetreten. Er stellte mir das Piratenleiterchen und ich kletterte auf den Fenstervorsprung. Ich zog auf und schmetterte den Ziegelstein mit aller Kraft gegen die Scheibe. Erstaunlicherweise entstand nichts, als eine leichte Einbuchtung. Ein weiteres Mal schlug ich auf sie ein und die Einbuchtung vertiefte sich. Ich erkannte, dass die Scheibe von der Folie zusammengehalten wurde und sich daher so eigenartig verhielt. Mit dieser Erkenntnis fasste ich neue Energie und hämmerte wie wild auf die Scheibe ein bis sich ein kleiner Riss in der Folie auftat. Ich griff mit beiden Händen in den Spalt und zerrte die Scheibensplitter auseinander. Ein beachtliches Loch entstand, genügend gross, um den Kopf hindurch zu stecken. Ich roch als erstes den Duft frischer Atemluft – ein so ungewohnter Geruch nach so langer Zeit in diesem moderigen Gebäude, in dem auch die Luft sein Jahrhunderten keine Zirkulation mehr erfahren zu haben scheint. Doch als nächstes sah ich einen schlaksigen Mann, der sein Fahrrad gerade an einer der Säulen des Vorbaus abgestellt hatte und nun eine schwere Ledertasche vom Gepäckträger hievte. Er schulterte sie umständlich und schob die runde Brille auf dem Nasenrücken zurück. Dann wandte er sich dem Horrorgebäude zu und trat ganz unbefangen durch eine Türe, die meinem Blick verborgen war. Verdutzt zog ich den Kopf zurück und zu der Stelle an der Innenseite der Mauer, an der die Türe hätte sein müssen. Und tatsächlich verschloss in diesem Moment der junge Mann mit der Ledertasche gerade wieder die Türe und wandte sich sogleich seinem Kollegen zu, der ihm ein Klemmbrett entgegen hielt und irgendetwas mit ihm zu besprechen begann. Die beiden Männer waren auch gar nicht alleine. Eine ganze Gruppe von Menschen tummelte sich im schattigen Teil der Haupteingangshalle.

Dass wir diese Leute nicht vorher bemerkt haben sollten, schien mir unmöglich, und ein blick zu meinen beiden Begleitern bestätigte mein Gefühl. Auch Perry und Fred blickten fassungslos zu der Menschengruppe. Ich bemerkte ein rotes Licht im Augenwinkel und fokussierte seinen Ursprung. Eine weitere Welle des Unglaubens fiel über mir zusammen. Das rote Licht gehörte zu einer professionellen Videokamera, welche direkt auf mich gerichtet war. Ein Mann mit Kopfhörern schrie irgendwelche Anweisungen in den hinteren Teil des Raumes. Grelle Scheinwerfer glommen auf und blendeten mich so sehr, dass ich meine Augen abschirmen musste. Auf einmal ertönte Musik, und ein Film lief vor meine Augen ab: Ausschnitte aus unseren Erlebnissen der letzten Stunden in diesem lebensfeindlichen Gemäuer – auch Szenen, die ich nie miterlebt hatte. Ich sah Jules, wie er von dem Trümmerhaufen begraben wurde; Miriam, die dem Stromschlag erlag; Markus und Horst, die sich gegenseitig über die Eingangsabschrankung halfen; ich sah Florian, der von einem perversen Mechanismus in der Aufzugskabine zerstückelt wurde; sah Perry und Fred über die Gleise rennen; und ich sah Marin mit seinem so liebevollen, beruhigenden Lächeln… Dann schien die Kameraeinstellung zu wechseln und statt übersichtlicher, bewegter Aufnahmen blitzten einzelne, sich leicht vergrössernde Standbilder von Details vor meinem geistigen Auge auf. So wie die silberne Stickerei eines gotischen Kreuzes auf Florians weisser Bikerjacke; eine aufgestützte Frauenhand mit einem diamantbesetzten Ring – das muss Babs’ Hand gewesen sein, die hatte sich kürzlich verlobt und hatte mir stolz ihren Verlobungsring gezeigt; im Ausschnitt eines tief aufgeknöpften weissen Hemdes auf einer dunkel behaarten, solariumsgebräunten Brust eine auffällige Kette, die ich aber nie zuvor bewusst gesehen hatte, zeigte einen Schriftzug, dessen goldene Buchstaben aneinander hingen und so den Anhänger bildeten: du bist mein bruder; ein schwarzer, leicht gewellter Haarschopf – Marin…; ein weit aufgerissenes Maul mit messerscharfen, perlmutfarbenen Zähnen…

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