Die Strassen sind überraschend leer für diese Zeit. Gut, dieses Viertel ist oft sehr ruhig. Wir gehen Arm in Arm, als seien wir im Urlaub, den St.Moldav-Berg hinab und sprechen über unwichtige, aber stets interessante Dinge, wie es Liebespaare so oft tun. Wir stopfen unsere Badetücher und Kleider in die dafür vorgesehenen Spinde am Reissufer. Albern herumtollend, wie es auch nur Verliebte tun, gehen wir dann den Reiss bis zum Reissbad hinauf. Das Flussbad ist an diesem bemerkenswert schönen Tag wieder einmal voll. Der Tag hat abermals eine wundervolle Wendung genommen.
Das Wasser ist erfrischend kühl. …Um ehrlich zu sein: Es ist arschkalt! Aber es ist unglaublich gemütlich, sich von der Strömung treiben zu lassen und dabei mit dem Liebsten zu plauschen. Wir wechseln uns ab, mit dem Wasserball zu schwimmen, den wir aus Bequemlichkeit, aber auch aus Sicherheit mitgenommen haben. Krämpfe sind schliesslich nichts Aussergewöhnliches in solch kalten Gewässern.
„Ach, ist das nicht gemütlich, Schatz; so im Wasser dahin zu gleiten und die ganze Welt – unsere ganze Welt – an uns vorbeiziehen zu lassen?“ träumt mein Freund.
„Bevor du mit mir das erste Mal im Reiss schwimmen gingst, kanntest du dieses Gefühl noch gar nicht. Jetzt schwärmst du davon, als hättest du dies schon dein ganzes Leben lange getan“, spotte ich. Wie verdammt unromantisch ich doch manchmal sein kann! Jetzt habe ich ihn so brutal aus seiner doch so seltenen Träumerei herausgerissen, dass er sich wohl zwangsläufig überlegen wird, ob er mir dies jemals wieder mitteilen sollte. Dabei finde ich es doch so schön, wenn er mit mir zusammen träumt!
Doch zu meinem Erstaunen nimmt er es mir anscheinend nicht übel: „Stimmt! Du hast mir eine völlig neue Welt eröffnet!“ Er steuert langsam auf mich zu und–– Kuss! „Danke. Danke für alles! Du bist das Beste, was mir je geschehen ist.“
Wieder bei den Spinden, duschen wir uns ab und ziehen uns an. Wir machen uns nun völlig erfrischt auf den Rückweg zum Büro meines Freundes.
„Willst du bei uns essen, oder wollen wir alleine bei dir essen?“ Ich überlege. Solche Entscheidungen fallen mir immer unheimlich schwer, denn es ist mir im Prinzip ziemlich egal. Es ist mir immer eine Freude, wenn ich mit ihm zusammen essen kann. Aber zum Glück beantwortet er seine eigene Frage meist selber: „Ich glaube, meine Mutter kocht nichts Spezielles…“
„Gut, dann essen wir doch bei mir…“
„Okay. Hmm … Was wollen wir essen?“
„Das sehen wir dann, wenn wir einkaufen.“
Wir holen unsere Sachen im Büro ab, laden mein Fahrrad in sein Auto und fahren los. Der nächste Laden, der noch geöffnet hat, ist die Medium im Bahnhof.
Mein Freund packt sich einen Einkaufskorb und steuert als erstes auf die Fleischwaren-Abteilung zu. Wie immer steht er dann mit übermässig geweiteten Augen vor dem Kühlregal und stellt sich schon alle möglichen Gerichte vor, während ihm das Wasser im Mund zusammen läuft. Er greift immer wieder nach einem Stück Fleisch, ist sich dann doch nicht sicher, oder hat ein besseres Stück gesehen, oder ein günstigeres und legt es wieder zurück. Das kann Stunden dauern! Er versucht mich zwar immer zu integrieren und fragt mich immer höflichst nach meiner Meinung, ich antworte ihm dann immer, doch die schlussendliche Entscheidung trifft dann doch immer er. Ich möchte mich hier nicht beschweren, nein! Auf keinen Fall! Im Gegenteil, ich bin eigentlich meist froh, dass er mir die Entscheidung abnimmt, denn mir ist es meist ziemlich egal, was wir essen… Nicht, dass ich es nicht zu schätzen weiss! Ach, wie auch immer…
Schliesslich hat er sich doch entschieden und wir fahren mit der Beilage fort.
„Auf jede Fall will ich Salat“, bemerke ich zu meinem eigenen Erstaunen. Es kommt selten – zwar immer häufiger, aber noch immer selten – vor, dass ich mein Verlangen so geradewegs äussere. Also gehe ich zum Salatstand und nehme mir einen Kopf Eisbergsalat. Mein Freund ist am Regal gleich daneben. Ich gehe wieder zu ihm hin und lege den Salat in den Korb. Wir stehen vor dem Milchprodukte-Regal, und er sucht nach einem Käse. Da kommt mir plötzlich ein höchst ärgerlicher Gedanke: Ich hätte mir den Stress mit der Milch vorhin sparen können! Aber ich versuche, wieder einmal die positive Seite daran zu sehen: Wäre ich nicht am Sandalettenpaltz in den Ready gegangen und hätte dort nicht in der Schlange stehen müssen, dann wäre mir nicht des wunderschönen Lied von Frank Sinatra in den Sinn gekommen… Voilà!
Wir haben alles eingekauft und sind auf dem Rückweg zu mir nach Hause. Die ganze Fahrt lang sind die Gedanken meines Schatzes vollkommen vom bevorstehenden Essen eingenommen.
„Oh, das wird lecker!“ schwärmt er auf so süsse kindliche Weise. „Wir machen dann eine feine Marinade, mit den vielen Kräutern aus deinem Garten und Olivenöl natürlich!“ Seine Begeisterung erreicht schon bald die Stufe einer Ekstase, denke ich amüsiert.
Die Fahrt vergeht im Nu, und bevor ich mich versehe, rennen wir die Treppe zu meiner Wohnung hoch. Sofort beginnt er mit dem Kochen: „Schatz, könntest du bitte eine Zwiebel holen?“ bettelt er mit einem breiten Grinsen.
„Selbstverständlich! Brauchst du sonst noch was?“ Wir sind es uns ja langsam gewöhnt. Das ist der Nachteil davon, wenn man keine optimal eingerichtet Küche hat. ––Gut, bei mir müsste man wohl eher von einer sehr, sehr minimal eingerichteten Küche sprechen…
Ich renne noch einige Male auf und ab; einmal zu Mama, einmal zu Papa, immer je nach dem, was benötigt wird. Das ist mein Beitrag beim Kochen.
„Wir können essen!“ Sofort gehe ich natürlich hin. Er zieht mir den Stuhl. Vor mir auf steht ein wunderschön dekorierter Teller Salat. Wir beginnen mit der Vorspeise und reden dabei über Gott und die Welt.
„Ja, die selbst gemachte Leberwurst deiner Grossmutter ist wirklich spitze! Überhaupt war Island ein einziges kulinarisches Erlebnis: Walfisch, Papageientaucher–– wie hiessen sie nochmals? Lünti.“
„Schön, dass du’s genossen hast. Ja, es waren wirklich fantastische Ferien!“
Das macht mich natürlich neugierig: „Welche waren denn deine schönsten Ferien bisher?“
Er schweigt einen Moment, aber anscheinend nicht, um nochmals alle Ferien durchzugehen, sondern, um sich die richtigen Worte zu überlegen. „Du weisst es; denn du warst die Ursache dafür“, sagt er schliesslich und lächelt mich an.
Dies war keine Schmeichelei. Das spüre ich. (Es ist bei ihm nämlich nicht immer ganz sicher…)
Der Hauptgang!
Er hat sich wieder einmal übertroffen! Köstlich! Im Hintergrund singt Frankie – es könnte nicht romantischer sein, da … küsst er mich!
So viele wunderbare Dinge habe ich heute erlebt! denke ich, während ich die letzten Zeilen schreibe. Es ist inzwischen schon dunkel geworden. Vor dem Fenster erscheinen die Bäume nun in einem dunklen blau und heben sich kaum noch vom Himmel ab; nicht mehr wie heute morgen, als sie einen krassen Kontrast zu ihm darzustellen. Ich seufze zufrieden. Dieser ganze Tag war so ausgefüllt mit Zufällen und Einfällen, Spontaneitäten und Planungen, Traurigem und Fröhlichem, Intellektuellem und Emotionalem; und dies, obwohl ich mich den ganzen Tag nicht von diesem Stuhl erhoben habe! Aber trotzdem habe ich so viele wunderbare und spannende Momente erlebt. Es war ein so wundervoller Tag, wie ich ihn schon lange nicht mehr erlebt habe!
Und alles, dank meiner Fantasie!
ENDE