Ganz schwarz sollte ich auch nicht sein. Schliesslich bin ich keine nahe Verwandte. Der schwarze Crêpe-Jupe mit den blassrosa Blüten scheint daher genau das Richtige. Ich ziehe mich an und setze mich danach ans Internet. Ich will noch ein passendes Zitat für die Kondolenzkarte finden, denn auf Anhieb fällt mir momentan nichts ein. Glücklicherweise schäumt das Netz förmlich über vor Kondolenzvorschlägen, Zitaten und Gedichten. Ich beginne, mich durch die Seiten zu lesen. Vieles gefällt mir. Manches ist zwar nicht unbedingt geeignet für eine Beileidskarte, aber durchaus wahr.

Wer nicht mehr liebt und nicht mehr irrt, der lasse sich begraben. – Johann Wolfgang von Goethe

Das kann ich auf keinen Fall schreiben!

Der Mensch ist erst wirklich tot, wenn niemand mehr an ihn denkt. – Bertolt Brecht

Ist das ein genügender Trost? Natürlich wird José Ángels Mutter immer an ihn denken. Wobei – vielleicht wird sie seinen Tod auch so schnell als möglich zu verdrängen versuchen. Schliesslich ist diese Art von Tod aus christlicher Sicht weniger eine Tragödie, als vielmehr eine Schande…

Nein, das kann Rosita nicht – selbst wenn sie es wollte. Eine Mutter kann den Tod ihres Kindes nicht verdrängen. Und wenn die Wut über seinen Selbstmord noch so gross ist, die Liebe muss überwiegen. Das gehört doch zur Natur einer Mutter.

Trotzdem ist es nicht das, was ich suche.

Der Gedanke an die Vergänglichkeit aller irdischen Dinge ist ein Quell unendlichen Leids – und ein Quell unendlichen Trostes. – Marie von Ebner-Eschenbach

Na ja, für Rosita ist es wohl mehr Leid als Trost… Wahrlich, bei Rosita kann im Zusammenhang mit dem Tod nur wirklich nicht von Trost die Rede sein.

Wir sollen nicht trauern, dass wir die Toten verloren haben, sondern dankbar dafür sein, dass wir sie gehabt haben, ja auch jetzt noch besitzen: denn wer heimkehrt zum Herrn, bleibt in der Gemeinschaft der Gottesfamilie und ist nur vorausgegangen. – Hieronymus

Das ist schön! Aber wohl etwas zu viel verlangt. Wie könnte man von einer Mutter erwarten, um den Tod ihres Kindes nicht zu trauern. Doch der religiöse Ansatz gefällt mir sehr, denn das scheint mir der einzig wahre Trost zu sein, den man in einer solchen Situation bieten kann. Und zudem ist Rosita auch sehr gläubig.

Aber der Glaube kann in diesem besonderen Fall auch ein Stolperstein sein. Was, wenn Rosita sich in der Lage befindet, mehr Wut, als Trauer über den Freitod ihres Sohnes zu empfinden - gerade aus religiösen Gründen? Dann wäre ein solches Zitat gleich einem Schlag ins Gesicht. So gut kenne ich Rosita nun auch wieder nicht, als dass ich einschätzen könnte, wie wörtlich sie die Worte der Heiligen Schrift auslegt.

Nein, da muss etwas Pauschaleres her.

Das einzig Wichtige im Leben sind die Spuren von Liebe, die wir hinterlassen, wenn wir weggehen. – Albert Schweitzer

Mag sein. Das Problem ist nur: Wenn man zu früh geht, hinterlässt man womöglich grössere Spuren des Unverständnis und der Trauer, als solche der Liebe. Und gerade bei José Ángel, der aus einem mir unbekannten Grund den Freitod wählte, weiss ich nicht, wie viel Liebe er tatsächlich hat hinterlassen können.

Den Tod fürchten die am wenigsten, deren Leben den meisten Wert hat. – Immanuel Kant

Ein gutes Zitat im Zusammenhang mit Selbstmord. Zumindest lässt es sich so interpretieren. Aber … nein, das geht auch nicht.

Ich lehne mich im Stuhl zurück und blicke aus dem Fenster. Die Wolken haben sich gelichtet. Zaghaft betasten die ersten Sonnenstrahlen die feuchte Erde. Gerade heute hat es nach drei Tagen aufgehört zu regnen. Zumindest wird die Beerdigung heute Nachmittag nicht auch noch im Regen ertränkt – die Tränen werden wohl im Überfluss reichen.

Ich nehme meinen Füllfederhalter zur Hand – aus dem Zitat wird wohl nichts. Scheinbar hat noch kein intelligenter Mensch die passenden Worte für den Trost in einem Suizidfall gefunden. Dann wird es eben oberflächlich bleiben müssen.

Liebe Rosita

Gerne hätte ich Dir ein paar tröstende Worte geschrieben. Doch wahren Trost wirst Du wohl nicht in Geschriebenem finden können.

Mir bleibt an dieser Stelle nur zu versichern, dass mir José Ángel immer in meiner Erinnerung lebendig bleiben wird, bis zu dem Tag, an dem ich ihn wieder treffe. Er war ein wahrer Freund.

Mein herzliches Beileid

Mignon

Ich blicke unschlüssig auf die Faltkarte. Dann wedle ich die Tinte trocken und schiebe die Karte in ihr Couvert. Was sind ein paar Worte schon? Was messe ich ihnen so viel Gewicht bei? Sie wird sie tausendfach in blumenübersäten Karten mit schwarzen Rändern lesen. Eine hübscher als die andere, und eine nichtssagender als die andere.

Ich muss mich noch fertig machen. In einer Viertelstunde kommt meine Mutter, um mich abzuholen. Ich gehe ins Bad und gebe mir noch den letzten Trauerschliff. Ein bisschen Lippenstift – ganz dezent natürlich – Liedschatten, Kohlestift und Wimperntusche – selbstverständlich alles waterproof. Da fällt mir etwas ein. Und da läutet es auch schon.

Ich öffne.

„Hallo Mama. Ich komme gleich.“

Schuhe, Mantel und Tasche an. Das Couvert öffne ich noch einmal und schiebe statt der kitschigen Kondolenzkarte eine Postkarte aus Capilla in Spanien hinein. Das ist mehr wert.

Sie beginnt mit „Liebste Mignon“ und endet mit „José Ángel“.

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